Züri West (Nord)

Genossenschaft :mlzd Architekten 
Alleestrasse 25 
2503 Biel-Bienne

Daniele Di Giacinto, Pat ­Tanner, Claude Marbach, ­David Locher, Federico Sforzi, Sandra Hurek, Jan Fischer

WH-P Ingenieure AG 
Malzgasse 20 
4052 Basel

Lars Keim

Amstein + Walthert 
Andreasstrasse 5 
Postfach 
8050 Zürich

Marcel Nufer (Nachhaltigkeit), Markus Knapp (Akustik), ­Mario Kuvac (Haustechnik)

Zueri west nord plan 1

Gesamtwürdigung

Die Projektverfassenden orientieren sich für ihren Entwurf am Richtprojekt, das vorschlägt, die Bauten im achten Obergeschoss untereinander zu verbinden. Daraus leiten sie ihre besondere Konzeption der Integration einer zweiten Stadtebene in luftigen Höhen ab. Was sich als unkonventionell und daher auf den ersten Blick originell und bedenkenswert darstellt, zeigt bei genauerer Analyse sehr deutlich die Schwierigkeiten einer «unerfüllbaren» Anziehungskraft. Die vorgeschlagenen «Follies architecturales» präsentieren sich als eine raffinierte gestalterische Geste. Die Projekteingabe als Ganzes vermag jedoch trotz guter Ansätze – u. a. bezüglich der Begrünung, Nachhaltigkeit und Statik – als Ganzes nicht zu überzeugen und vermag keinen essenziellen neuen Beitrag zur Weiterentwicklung des Richtprojektes leisten.
Zueri west nord 1

Projektbeschrieb

Städtebau und Architektur

Die Projektverfassenden wollen, ausgehend von der Auseinandersetzung mit der Moderne und der in dieser Zeit entstandenen Wohnbauprojekten, einen ganzheitlichen, multifunktionalen Stadtbaustein entwickeln, der zu einem «sozio-architektonischen» Erfolg werden soll. Dazu orientieren sie sich an «The Barbican» in London als leuchtendes Beispiel. Es ist für die Verfassenden zentral programmatische, architektonische und soziale Aspekte auszuloten und für das Projekt auch die Geschichte des Ortes miteinzubeziehen. So stehen die gemeinschaftlichen Flächen, neben der Berücksichtigung ökonomischer Bedingungen und sich stetig wandelnde Bedürfnisse und Bedarfe an zeitgenössischen Wohn- und Arbeitsformen, im Zentrum des Konzepts. Dieses Konglomerat soll dabei so gestaltet sein, dass es zu einem Anziehungspunkt für die Menschen, die an dem neuen Stadtquartier teilhaben wollen. «Züri-West» (Nord) soll mehr bieten als Flächen für Wohnen und Arbeiten, es soll zu einem lebenswertes Wohn- und Lebensumfeld werden. Aus Sicht der Projektverfassenden bildet gerade die programmatische Mischnutzung die Voraussetzung für das Entstehen des neuen lebendigen Stadtbausteins. Anbindend an das Richtprojekt entwickeln sie ihr städtebauliches Konzept mit einer differenzierten Höhenstaffelung und Anordnung von Volumina. Was sich besonders heraushebt und einen neuen Fokus setzt, ist eine zweite Stadtebene, die sie als öffentlich zugängliche Ebene vorsehen, auf der keine Wohnnutzung geplant ist. Der Entwurf schafft mit dieser zweiten Stadtebene im achten Obergeschoss eine grosse Geste: Die Ebene bildet als öffentliche und frei zugängliche Plattform mit gemeinschaftlichen Bereichen wie Mehrzweckräumen, Kita, Sportnutzungen oder Bibliothek eine Zäsur zwischen den darunterliegenden Gewerbe- und Dienstleistungsflächen und dem darüber angeordneten Wohnen. Die Verfassenden begründen dies mit dem begrenzten Raum auf der unteren Stadtebene und dem Ausgleich von öffentlichen Flächen auf der oberen Ebene. Ausgehend von dieser Setzung ist auf der unteren Stadtebene eine Mitte ausgebildet, die die Adressbildung und Zugänglichkeit für das Gewerbe und die öffentlichen Nutzungen garantieren soll. Peripher dazu ist ein zweiter Erschliessungsring angeordnet, der als direkter Zubringer zu den über dem zweiten Stadtniveau liegenden Wohngeschossen führt. Eine Rolltreppenanlage soll zwischen der Dachebene des Krangartens der oberen Stadtebene eine weitere vertikale Verbindung zwischen unten und oben schaffen und somit die Attraktivität der oberen Stadtebene stärken. Das siebte Obergeschoss dient als Transfergeschoss für Statik und Gebäudetechnik der darunter und der darüber liegenden Nutzungen. Auf Ebene sieben sind zudem Technik- und Nebenflächen sowie ein Grossteil der geforderten Veloabstellplätze angeordnet. Dieses Konzept versinnbildlicht eine ideosynkratische Intervention, mit der die Verfassenden für ihr Projekt als Bindeglied zwischen öffentlichem und privatem Raum, sowie zwischen den einzelnen Baukörpern spielen. Die obere Stadtebene bildet als gemeinschaftliche Basis die eigentliche Kernidee. Aus Sicht der Jury wirkt sie jedoch – gerade aufgrund der fehlenden Wohnnutzung – überdimensioniert und als rein öffentlich genutzte Stadtebene auf 30.0 m für den Ort wenig glaubhaft. Auch der konstruktive Aufwand der Transferdecke ist in dem Kontext nicht angemessen, ebenso wenig wie die Anordnung der Fahrradgarage im siebten Obergeschoss. Die Idee dieser radikalen horizontalen Trennung erscheint nicht tragfähig, weder konzeptionell noch funktional. Die Projektverfassenden stellen folgerichtig unter dem Aspekt der Verknappung des Bodens fest, dass die Durchgrünung nicht explizit nur auf der unteren Stadtebene stattfinden kann, sondern sich mit der Architektur in den oberen Geschossen vermengen muss. Das Projekt wählt die Strategie mit einer weit-läufigen, zusammenhängenden ‹zweiten Erdgeschossebene› im achten Obergeschoss. Diese wird mit gemeinschaftlichen Nutzungen ausstaffiert und intensiv durchgrünt, schafft Nachbarschaften und somit eine wichtige Voraussetzung für die Aneignung
Züri West Nord Modellbild

Nutzung und Funktionalität

Der Projektvorschlag offeriert auf wenigen, aber klaren Entscheidungen eine hohe Dichte an unterschiedlichen Angeboten und Atmosphären im achten Obergeschoss. Folgerichtig stellt sich aber auch die Frage, ob die Absicht einer Konzentration der Massnahmen und Nutzungsangebote auf einem Geschoss der Idee der Diversität, Durchmischung und Durchdringung des neuen Stadtteils genügend Rechnung tragen kann. Das Wohnen ausschliesslich ab der «Wohnebene» als «Umsteigeort» im achten Obergeschoss stattfinden zu lassen (z. B. Veloräume auf dem siebten Obergeschoss, Briefkästen auf dem achten Obergeschoss, Keller auf den Laubengängen) wirkt wenig alltagtauglich und schwächt den Bezug zur unteren Stadtebene als Ankunftsort. Wenig unterschiedliche Öffentlichkeitsgrade entlang der «Wohnstrasse» lassen Aneignungsqualitäten vermissen. Vertikal bieten die Enden der Korridore gemeinschaftliche Nutzungen an. Getrennte Eingänge für Wohnen/Arbeiten auf der unteren Stadtebene entflechten. «Folies» mit öffentlichen Nutzungen sollen die Aussenwirkung stärken.
Züri West Nord Folies architecturales
Züri West Nord Situationsplan Ergeschoss

Wirtschaftlichkeit

Auf der Basis der vorliegenden Unterlagen wird eine wirtschaftliche Umsetzung als schwierig erachtet. Dies einerseits aufgrund der fehlenden Effizienz der optimierten Wohngeschosse, andererseits aufgrund der vorgeschlagenen Lösung, das komplette siebte Obergeschoss nur für Velo und Technik vorzusehen. Die raumhohen Fassadenfenster sowie die vollflächige Fassadenbegrünung werden im Hinblick auf die Einhaltung der Brandschutzvorschriften im Hochhausbau und der daraus resultierenden Baukosten ebenfalls als kritisch beurteilt.
Stadtterrasse 8. Obergeschoss

Umwelt

Die Lärmproblematik wurde erkannt und es wird anhand von detaillierten Grund rissen aufgezeigt, wie auf die Lärmsituation reagiert werden soll. Das Projekt sieht beim exponierten Baubereich 8 einen «Schallschutzgarten» als Lärmpuffer vor. Dieser nach oben offene Patioraum ermöglicht ein Lüften auf die lärmexponierte Nordseite. In den anderen lärmexponierten Bereichen ist «Durchwohnen» mit Anordnung eines Laubengangs an der lärmexponierten Fassade vorgesehen. Die Laubengänge mit den integrierten Kellerräumen bewirken einen wirksamen Schallschutz. Insgesamt ein gutes, innovatives und durchdachtes Lärmschutzkonzept. Der Beitrag beinhaltet eine üppige vertikal – und horizontal Begrünung (grüne Lunge). Fassadensolarmodule auf der südseitigen Fassade und die übrigen Fassaden in Kombination aus Faserzementplatten und metallischen Gliederungselementen. Als Tragwerk sollen hochbelastbare Baustoffe wie Beton und Stahl eingesetzt werden und die geschossbildenden Elemente aus ressourcenschonende Holz- oder Holz-Hybrid-Konstruktionen ausgeführt werden. Die Betonteile sollen konsequent als Recyclingbeton mit CO2-reduziertem Zement realisiert werden. Die warme Aussenluft soll über die Evapotranspiration der Vegetation direkt an der Fassade gekühlt und in das Haustechniksystem eingespiesen werden. Dabei senkt sich der Energiebedarf der Bauten und die grüne Stadtebene wird kausales Element der «Stadt als Maschine». Die Idee der Schwammstadt wird uminterpretiert. Mittels Zisternen wird das anfallende Wasser im Technikgeschoss gesammelt und zur Bewässerung genutzt. Diese Strategie wirkt jedoch nur bedingt als leistungsfähigen Retensor, da das Brauchwasser insbesondere bei Trockenheit genutzt wird und somit extreme Überkapazitäten an Leervolumen zur Spitzenbrechung angeboten werden müssen.
Züri West Nord Südfasse